Bericht des Ersten Vorsitzenden Wolfgang Boeckh bei der Mitgliederversammlung am
15. Oktober 2022 in Hornberg


Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitglieder unserer Gesellschaft,

Dieser Bericht umfasst auf den Tag genau ein Jahr, nämlich vom 15.10.21 bis zum 15.10.22. 

In einer Gesellschaft wie der unsrigen gibt es übers Jahr wenig Spektakuläres zu berichten. Wir sind kein geselliger Verein, was mir immer dann besonders auffällt, wenn die Stadt Hornberg zu geselligen „Events“ einlädt. Wir arbeiten gerne zuhause am Schreibtisch, wiewohl unsere Symposien durchaus gesellige Momente haben.  Auch mussten wir uns das erste Jahr seit langem nicht auf dem Friedhof versammeln, hatten wir doch in den letzten Jahren besonders schmerzliche Todesfälle in der ersten Reihe der WHG. Allerdings hat uns unser Gründungsmitglied Werner Hafner für immer verlassen. Seine Frau Carmen hat uns seine wohl umfangreiche Hausenstein – Büchersammlung angeboten. 

Höhepunkt des vergangenen Jahres war das Symposium Deutschland- Frankreich mit 10 Referaten vor Ort und einem schriftlich nachgereichten Beitrag. Peter Reuss sprach online aus Paris auf der Videoleinwand zu uns, Thorsten Lorenz war an Covid erkrankt und hat sein Referat inzwischen schriftlich nachgereicht. Auch der musikalische Beitrag, die Liedmatinée unseres Mitgliedes Thomas Urban und seiner Frau bleibt in guter Erinnerung. Unser Symposium im Nachgang zum 2. Elysée – Vertrag und auf der Folie zahlreicher Deutsch-Französischer Begegnungen lockte ungewöhnlich viele Zuhörer an – zum ersten Mal mussten zusätzliche Stühle gestellt werden, bis an die Grenze der Corona- Verordnung. Das Thema bildete  das Zentrum unserer Arbeit ab, denn das Spannungsverhältnis unserer beiden Länder war das Kernanliegen Hausensteins, und es wird uns weiter beschäftigen. Fast alle genannten Publikationen haben die Euphorie dämpfende Einschränkungen im Titel – wir lieben und schätzen einen schwierigen Nachbarn. Gerade gestern konnte man wieder besichtigen, wie schwierig trotz der zweifelsohne beglückend guten Nachbarschaft politische  Realitäten sind: Unserer Verteidigungsministerin glückte es, fast alle europäischen Nachbarn davon zu überzeugen, dass Europa einen gemeinsamen Schutzschirm zur Luftabwehr von potentiellen Raketenangriffen benötigt – Frankreich blieb auf der gezeigten Landkarte ein weißer Fleck, man hat dort schließlich eigene Pläne, und man hört, dass auch bei den Anstrengungen für eine gemeinsame Truppe manches daran scheitert, dass ein anderes Kommando als das französische kaum vorstellbar sei. Besonders hellhörig sollte eine Gesellschaft wie die unsrige sein, die sich auf das Erbe Wilhelm Hausensteins beruft, wenn bei Wahlen im Nachbarland sowohl die Linke als auch die Rechte mit anti-deutschen Parolen Wählerstimmen gewinnen. In der FAZ waren mehrfach Artikel zu lesen, die sich darüber wunderten, dass die Goethe- Institute sparen müssen, also Aktivitäten und Personal reduzieren, womöglich Standorte aufgeben. Da auch das BMZ, wie ich über Rotary erfahre, seine Unterstützung sozialer Projekt z.B. in Afrika reduziert, sehe ich eine bedrohliche Entwicklung, die nicht allein durch die horrenden Staatsausgaben in Folge des Ukrainekrieges zu erklären sind. Nationales Denken und Handeln im Umfeld des eigenen Kirchturms ist wieder salonfähig – und schon sind wir beim nächsten Symposium 2023. Das Thema Deutschland – Italien wird sich genau dieses Themas mehrfach annehmen müssen. 

Was hat Italien mit Hausenstein zu tun? Ein Kunsthistoriker und Kunstschriftsteller würde diese Frage nicht stellen, denn Italien ist kulturelles Kernland aller Überlegungen und Träume der deutschen Seele. Was mit Seume und Goethe begann, wurde zum „festen Teil deutscher Identität“ ( Florian Illies).  Das nächste Symposium soll nicht nur die Träume besingen, die Künstler, Musiker, Philosophen, Historiker, Archäologen und Bildungsbürger nach Italien reisen ließen. Es geht um Interaktion, Teilhabe am europäischen Haus, um Fiktion und Wirklichkeit. Die Bundesrepublik wurde angeblich in Rom gezeugt. Fanfani besuchte Adenauer mehrfach in Cadenabbia, dem zweiten Wohnsitz des deutschen Bundeskanzlers, übrigens in  Nachbarschaft zum NATO- Generalsekretär. Auch die Besiegelung der Deutsch-Französischen Verträge wurde nicht im Bonner Gewimmel verhandelt, sondern durch eine durch Boten vermittelte Korrespondenz zwischen de Gaulle und Adenauer – in Cadenabbia, wo kaum Presse und schon garnicht die Bonner Opposition lauerte. Die Migration wird thematisiert – die ersten „Gastarbeiter“ kamen aus Italien, und die Rom –Kennerin Sabine Kienlechner wird gar einen „geistigen Kolonialismus“ der Deutschen in Italien zur Diskussion stellen. Die neu gewählte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni allerdings reagiert allergisch auf Deutsch, wie in der FAZ vom 13.10. d.J. zu lesen war, und das tun populistische Politiker selten alleine. Ihr Abitur in Deutsch über Thomas Mann und den „Tod in Venedig“ war wohl traumatisch…..Es bleibt also genug zu tun. 

Die Kunstgeschichte wird ebenso wie die Musikgeschichte zur Sprache kommen. Silke Leopold, die wohl prominenteste Kennerin italienischer Musik der Zeitenwende um 1600 wird referieren, soeben hat Jochen Hörisch zugesagt, über den Mythos „arcadia“ zu sprechen, der Petrarca- Übersetzer Karlheinz Stierle wird rezitieren und kommentieren, Prof. Immaculata Amodeo, langjährige Präsidentin der Villa Vigoni beleuchtet die Kulturbeziehungen in der Villa Vigoni, der Villa Massimo und der Casa die Goethe, und, ein besonderes Geschenk für die WHG, einer der international hochdekorierten Lautenspieler, Prof. Joachim Held wird, zusammen mit der Sängerin Bettina Palm, Musik des 16. Und 17. Jahrhundert spielen.

Die Finanzen unserer Gesellschaft hat Ute Stehle im Blick. Wir verzeichnen maßvollen Mitgliederzuwachs, und die Nähe mancher Referenten zu Rotary zahlt sich aus, wir haben kaum Absagen. Das letzte Symposium wurde von örtlichen Unternehmen und der Bürgerstiftung deutlich unterstützt, auch der Rotary- Club Wolfach unterstützte uns.

Mit leiser Sorge müssen wir uns vom vertrauten Mitglied Bürgermeister Scheffold in dieser Funktion verabschieden. Wir hoffen weiterhin auf gute Beziehungen zum Rathaus – der Namenspatron unserer Gesellschaft und Ehrenbürger der Stadt, dessen Bild im Rathaus hängt, sollte uns weiter unterstützen….

Abschließend kann ich noch berichten, dass meine Frau und ich im vergangenen Jahr in München das dortige WHG besuchten. Zusammen mit Alexander Schwarz konnten wir uns in herzlicher Atmosphäre mit dem Schulleiter, unserem Mitglied Dr. Barfknecht austauschen und Pläne schmieden. Da dort ein Neubau des WHG ins Haus steht, ist Uwe Barfknecht erstmal gründlich absorbiert, aber wir vergessen München nicht. Auch Alexander Schwarz klagt über große berufliche Überlastung. Wir besuchten auch das Grab Hausensteins, das dank Frau Flach in gutem Zustand ist; evtl. muss das schmiedeeiserne Kreuz mal saniert werden. Die Stadt München hält das Grab als Ehrengrab der Stadt.

Ich habe meinen Vorstandsmitgliedern und unserem Ehrenmitglied herzlich zu danken. Die Arbeit geht uns nicht aus, und Adenauers Satz „Wir Alten müssen es machen“ scheint seine Gültigkeit zu behalten…Danke, liebe Ute, Danke, lieber Michael, und, Danke, lieber Johannes.


 Unsere Gesellschaft hat satzungsgemäß die Aufgabe, das Erbe Hausensteins zu pflegen und sich in seinem Sinn für Frieden und Völkerverständigung einzusetzen. Die Aufgabe besteht also darin,  einerseits Schriften, Bücher, Zeitungsartikel und Querverweise zu sichern und dem Literaturarchiv in Marbach zur Verfügung zu stellen bzw. Quellen für die Forschung zur Verfügung zu stellen, andererseits geht es darum, in der Gegenwart zu handeln. 

Das wollen wir alle auch weiterhin tun.

Noch in diesem Jahr wird unsere nächste Veröffentlichung, der Bericht zum Symposium des vergangenen Jahres erscheinen.

Wahlen sind in diesem Jahr satzungsgemäß keine durchzuführen.


Ich wünsche uns allen gute Gesundheit und weiterhin den Optimismus, der Ursprung und Motor unserer Arbeit bleiben soll.

Ich danke euch und Ihnen


Wolfgang Boeckh, Hornberg, den 15. 10. 22


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